Freiheit im Nebeneinander
(Simon Deckert)

Ich treffe Karin im November 2015 in ihrer Wohnung in Basel. Vor drei Monaten hat sie ihr Studium in Jazzgesang abgeschlossen; ihr Masterprojekt, die Band Kassiopeia, ist eine von neun Formationen, die auf Karins Website unter dem Menüpunkt Musik zu finden sind. Als Sängerin und Komponistin bewegt sie sich zwischen Duo und Sextett, zwischen Avantgarde-Jazz, Folk-Pop und elektronischer Musik. „Jazz in einem sehr breiten Spektrum“ habe das Studium an der Hochschule für Musik in Basel geboten – und doch: „da ging es wirklich nur um Musik“. Nur um Musik? Über dem Menüpunkt Musik findet sich der Menüpunkt Kunst. Einen Mausklick weiter: Aktion, Fotografie, Installation, Klangkunst, Malerei, Zeichnung, Video. Vor dem Jazzstudium in Basel hat Karin den Bachelorstudiengang Musik und Medienkunst an der Hochschule der Künste Bern absolviert, von dem sie sich zu Beginn erhofft, er möge nur ja breit genug angelegt sein, um ihren verschiedenen Interessen Raum zu bieten. „Perfekt! Ich kann Musik und Kunst studieren und brauche nur fünf Jahre!“; Karin erinnert sich mit einem Lachen an ihre damaligen Erwartungen.
Vor dem Beginn ihres ersten Studiums erlebt Karin einen künstlerischen Werdegang, der sich immer zwischen diesen zwei Disziplinen bewegt; das ist einer der Gründe dafür, warum ich mit ihr über ihren Weg sprechen möchte. Zu Beginn des Interviews bitte ich sie, mir ihre Entwicklung zur Musikerin und bildenden Künstlerin zu schildern, von ersten Berührungen mit den Hobbys ihrer Kindheit und Jugend bis hin zur Entscheidung für das Studium an einer Kunsthochschule. Mich interessiert, wie Karin ihren Werdegang erzählt, in welche Abschnitte sie ihre Erzählung gliedert und welchen Elementen ihrer Biografie sie dabei besonderes Gewicht verleiht. Karin ist in Liechtenstein aufgewachsen. Während sie über ihre Kindheit spricht, lacht sie oft und sucht oft nach den richtigen Worten; ihre Erzählung ist überlegt und mit gelegentlichen Pointen ausgestattet, immer wieder kontrastiert sie darin die Sicht des Mädchens von damals mit jener der jungen Erwachsenen von heute. Ihre Mutter war Haushalts- und Handarbeitslehrerin und erschloss Karin den ersten Zugang zur Kunst: das Basteln. Es gab eine Nähmaschine und allerhand Werkzeug, und draussen einen Garten und den Wald, wo Karin etwa Lianen sammelte, die später zur Dekoration ihres Zimmer dienten. „Wilde Welten schaffen“, so beschreibt sie diese erste, grundlegende Erfahrung mit kreativer Tätigkeit. Karin sammelte, bastelte, dekorierte; es war ihr Vergnügen – und: „man kann vielleicht schon fast sagen, die erste Installation“.
Eine weitere Frage, die mich interessiert, ist: wenn man als junger Kunstschaffender den Übergang vom Kunsthochschul- ins Berufsleben macht, sich zum ersten Mal in einer selbstständigen Erwerbssituation einrichtet – wo sieht man am deutlichsten Bezüge zwischen seiner Biografie und dem beginnenden Lebensabschnitt? Welche Momente der eigenen Biografie scheinen genau jetzt einen besonders starken Einfluss zu haben? Karin weiss auf diese – vielleicht zu abstrakte – Frage nicht recht zu antworten, aber als ich unser Gespräch im Nachhinein untersuche, merke ich, dass sie sie im Lauf ihrer Erzählung beantwortet hat, ehe ich dazu gekommen bin, sie zu stellen. Die Entdeckung des Bastelns ist ein solcher Moment. Das „Gefühl für Materialien“ habe sie damals entwickelt, das für ihre gestalterische Arbeit bis heute zentral ist. „Wenn man sich meine Installationen anschaut, dann spielt das schon eine grosse Rolle – das Materielle, das, was man nicht beschreiben kann, was einem vielleicht einen Geschmack im Mund gibt oder das Gefühl, ich kann es fast spüren.“
Zugang zur Musik findet Karin auf zwei verschiedene Arten. In ihrer Erzählung ist die Begegnung mit Material und visueller Gestaltung ihr erster Kontakt mit der Welt von Kunst und Kultur, und so ist es nicht verwunderlich, dass die kleine Karin, als sie anfangen soll, ein Instrument zu lernen, jenes auswählt, das sie optisch am meisten anspricht: die Klarinette. Daneben gibt es schon länger etwas anderes, das, wie sie erzählt, „einfach so da“ ist – ihre Stimme. Mir fällt auf, das sie im Zusammenhang mit der Klarinette die Worte „Instrument“ und „Unterricht“ benutzt; das Wort „Musik“ fällt erst, als es ums Singen geht. Sie spricht mit grosser Selbstverständlichkeit über diese Fähigkeit, über die Anwesenheit ihrer Stimme, und mit derselben Selbstverständlichkeit wechselt sie an diesem Punkt unseres Gesprächs aus ihrer Ich-Erzählung in die allgemeine Feststellung, Singen sei „ja sowieso etwas, wo man einen ganz leichten Zugang dazu hat.“
Karin lernt zehn Jahre lang klassische Klarinette, auch wenn sie schnell merkt, dass es nicht das ist, was sie eigentlich will. Während sie aufs Gymnasium geht, nimmt sie zusätzlich Klavier- und Gesangsunterricht, spielt in Orchestern, singt im Chor und in einer Band. Die Schilderung dieser intensiven Zeit verrät eine grosse Energie hinter der freundlichen, unbekümmerten Art, die Karin im Gespräch pflegt; eine grosse Getriebenheit, zu lernen und zu machen, die sich damals zum einen in der Beschäftigung mit so vielen Projekten gleichzeitig zeigt. Auf andere Weise offenbart sie sich, als Karin nach einer langen Phase der Konzentration auf die Musik wieder in Kontakt mit der bildenden Kunst kommt. Als sie sich im Gymnasium zwischen Musik oder Kunst im Schwerpunktfach entscheiden muss, wählt sie Kunst, weil sie auf diesem Gebiet – im Gegensatz zur Musik – Schwierigkeiten hat, an Input zu kommen. „Zum Glück“, das betont Karin besonders: Herr Albertin, ihr Lehrer, sieht in ihr ein Talent, das ihr zu diesem Zeitpunkt selber nicht bewusst ist. Er fördert ihr Interesse und ihre gestalterische Veranlagung und bringt damit eine Saite in ihr zum Schwingen. Karin entwickelt einen riesigen „Hunger“ auf Kunst, eine „Lust, in tausend Museen zu gehen“. Eine „Vorahnung“ habe sie gehabt, wenn Albertin von Kunst gesprochen habe; ihm zuzuhören, sei damals „einfach voll faszinierend“ gewesen.
Das erste Mal, dass sie sich zwischen Musik und Kunst entscheiden muss, wird also zu einem Glücksfall für Karin; gleichzeitig empfindet sie es als extrem hart, zwischen den beiden geliebten Beschäftigungen wählen zu müssen. Warum nicht beides? Warum nicht alles? Karin beschäftigt sich weiterhin mit verschiedenen musikalischen Projekten, zusätzlich stillt sie jetzt ihren Hunger auf Kunst bei Herrn Albertin und bei einem Kurs an der Kunstschule Liechtenstein. Das geht so, bis schliesslich die Matura vor der Tür steht und Karin im Zuge der Studienwahl wieder auf dasselbe „Desaster“ stösst: die Entscheidung zwischen Kunsthochschule und Konservatorium.
Bei ihrer Selbstfindung zwischen Musik und bildender Kunst liefern ihr die Momente der von aussen aufgezwungenen Entscheidung zwischen den Disziplinen immerhin einen ersten Hinweis darauf, wie sie es nicht machen will: entweder-oder ist für Karin keine Lösung. Nach einiger Recherche im Internet findet sie einen Studiengang, der sie von der Entscheidung für das eine und gegen das andere zu befreien scheint: den Bachelor in Musik und Medienkunst an der Hochschule der Künste Bern. „Ganz naiv“ habe sie sich dort beworben, „völlig naiv“ sei sie im Frühling vor der Matura für die Aufnahmeprüfung nach Bern gefahren – und genauso „naiv“ dorthin gezogen, nachdem sie erfahren habe, dass sie zugelassen worden sei. Karin scheint die Entscheidung, die sie damals als Achtzehnjährige getroffen hat, relativieren zu wollen. Sie bewirbt sich auch für den Bachelor in Fine Arts, wo man ihr rät, zuerst einen Vorkurs zu besuchen. Aber: „ich will keinen Vorkurs, ich will direkt studieren“, so erinnert sich Karin an ihre Haltung zu dieser Zeit. Wieder treibt sie ihre Energie, ihre Lust, das Wahre zu bekommen, und möglichst viel davon, aber diesmal verstrickt sie sich dadurch erst einmal in die falsche Situation. „Es ist ein technisches Studium gewesen“ erklärt sie mir und zählt auf: Audio-Technik, Audio-Design, Programmieren – es wirkt ein bisschen unbestimmt, wie sie über dieses Studium spricht; die Leidenschaft, mit der sie zuvor etwa von ihrem Erweckungserlebnis mit Herrn Albertin erzählt hat, scheint in den Hintergrund gerückt.
Ich glaube, während der Zeit an der HKB lernt Karin etwas Zweites über ihre Positionierung zwischen Musik und bildender Kunst: auch eine Verschmelzung der beiden Disziplinen bringt nicht die gewünschte Freiheit im Umgang mit ihnen, sondern engt diesen Umgang ein; wenn Musik und Kunst verschmelzen, dann müssen sie das an einem bestimmten Punkt ihrer Schnittmenge tun und werden dadurch auf diesen Punkt beschränkt. Auch wenn Karin mit dem Beginn ihres ersten Studiums, wie sie sagt, „einfach irgendwo hineingerutscht“ ist, profitiert sie von dem Umfeld, das die HKB ihr bietet: sie sieht die Jazzer („Zu euch will ich eigentlich!“) und die Kunststudenten („Das habe ich eigentlich gewollt!“) und lernt von neuer Musik bis zu Performancekunst eine Menge zeitgenössischer Kunstformen kennen, zu denen sie als Teenagerin in der Provinz keinen Zugang hatte.
Nach dem Bachelorabschluss entscheidet sich Karin, zu machen, was sie eigentlich will, und schreibt sich für Jazzgesang an der Hochschule für Musik in Basel ein. Im Studium konzentriert sie sich auf die Musik; Kunst – Ausstellungen, Installationen, Videos und mehr – macht sie daneben. Mit dem Masterabschluss hat Karin die Freiheit gewonnen, ihre künstlerische Praxis ohne die Vorgaben und Einschränkungen eines institutionellen Rahmens auszuleben. Auch wenn sie das Gute hervorhebt an den Schulen, die sie besucht hat, und dem Umfeld, das sie ihr geboten haben – es war eine Schule, die Karin zum ersten Mal die Entscheidung zwischen ihren beiden Hobbys aufgezwungen hat; an einer Schule hat sie versucht, ob sich diese Entscheidung durch die Verschmelzung der Disziplinen umgehen lässt, und erfahren, dass Verschmelzung auch Einschränkung bedeutet. „Klar verbinden sich Sachen“, sagt Karin. „Ich mache Videos und ich mache Musik dazu, manchmal mache ich Klanginstallationen mit Visuellem...aber es ist nicht mein Ziel, die beiden zusammenzuführen. Wenn es zusammenkommt, dann kommt es zusammen, aber ich will es nicht forcieren“.
Musik oder Kunst? Karins Antwort auf diese Frage liegt in der Spontaneität und im Umgehen von Zwängen, sei es Entscheidungs- oder Interdisziplinaritätszwang. Hier scheint mir ein weiteres Element ihrer Biografie in ihrer gegenwärtigen Situation deutlich nachzuhallen. Als Jugendliche will Karin sich nicht entscheiden müssen, will alles lernen und alles gleichzeitig machen. Jetzt, frisch im Berufsleben zwischen Brotjob, Bands und Kunstprojekten angekommen, geniesst sie es, in ihrer künstlerischen Arbeit tun und lassen zu können, was sie – und wann sie es – will.